Die härtesten Führungsmomente – und die Wahrheit, die niemand hören will
- Frida Viva

- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Warum Weiterlaufen oft weniger mit Stärke zu tun hat, als wir glauben.
Es gibt eine Wahrheit in der Führung, über die kaum jemand spricht:
Viele unserer größten Belastungen entstehen nicht, weil wir zu wenig Ausdauer haben — sondern weil wir sie an der falschen Stelle einsetzen.
Und bevor ich weitergehe, möchte ich etwas klarstellen:
Ich bin ein Fan von Grit.
Ich finde den Gedanken inspirierend, dass Leidenschaft und Ausdauer uns helfen, über uns hinauszuwachsen.
Grit hat mir selbst oft Kraft gegeben — vor allem in Phasen, in denen es darauf ankam, dran zu bleiben.
Aber gerade weil ich Grit wertschätze, sehe ich auch seine Grenzen.
Ausdauer ist eine wunderbare Stärke.
Nur wird sie problematisch, wenn sie automatisch wird.
Wenn wir weitermachen, obwohl ein bewusster Stopp klüger wäre.
Genau darum geht es hier.

Warum Weiterlaufen so verführerisch ist
Durchhalten fühlt sich leicht richtiger an als stoppen.
Es klingt loyal.
Zäh.
Zuverlässig.
Und es bewahrt uns davor, Entscheidungen zu treffen, die weh tun könnten:
Ein Projekt zu beenden.
Eine Initiative zu pausieren.
Ein Ziel neu zu denken.
Ein „Wir schaffen das“ in ein „Wir sollten es anders machen“ zu verwandeln.
Aber Weiterlaufen aus Gewohnheit ist kein Zeichen von Stärke.
Es ist ein Zeichen von Angst.
Die Frage ist: Wovor fürchten wir uns wirklich?
Drei Dinge spielen dabei eine zentrale Rolle.
Blind Spot 1: Loyalität – Wir laufen weiter, weil wir uns verpflichtet fühlen
Loyalität ist etwas Schönes.
Sie hält Teams zusammen und schafft Vertrauen.
Doch sie kann uns an Aufgaben binden, die längst nicht mehr tragen.
Wir bleiben dran, weil:
schon so viel Energie hineingeflossen ist
wir niemanden enttäuschen wollen
wir glauben, dass Aufgeben ein schlechtes Licht wirft
Loyalität ist wertvoll — aber sie ist kein Ersatz für Klarheit.
Blind Spot 2: Identität – Weiterlaufen fühlt sich wie Stärke an
Viele von uns definieren sich über Belastbarkeit.
Über Zähigkeit.
Über die Fähigkeit, „nicht umzufallen“.
Grit kann dabei schnell zum Selbstbild werden:
Wenn ich weitergehe, bin ich stark.
Wenn ich stoppe, bin ich schwach.
Doch das stimmt nicht.
Stärke ohne Bewusstsein ist kein Zeichen von Grit —sondern ein Zeichen von Überidentifikation.
Und Überidentifikation führt selten zu guter Führung.
Blind Spot 3: Angst vor Konsequenzen – Ein Stopp macht uns sichtbar
Stoppen heißt entscheiden.
Und Entscheidungen haben Konsequenzen:
Man muss erklären, warum man etwas beendet
Frühere Annahmen stehen auf dem Prüfstand
Erwartungen müssen neu gesetzt werden
Verantwortung wird konkret
Weiterlaufen ist einfacher.
Es lässt alles beim Alten.
Es spart uns unangenehme Gespräche.
Doch genau hier liegt die unbequeme Wahrheit:
Ein Stopp macht uns nicht schwach.
Er macht uns ehrlich.
Und ohne Ehrlichkeit gibt es keine Führung, die trägt.
Was hilft, die blinden Flecken zu sehen
Gerade weil ich Grit so bereichernd finde, ist mir wichtig:
Ausdauer wirkt nur, wenn sie bewusst eingesetzt wird.
Drei Fragen helfen dabei:
Clarity:
Wofür lohnt sich unsere Ausdauer wirklich?
Capacity:
Haben wir die Energie, um dieses Ziel zu tragen — ohne uns zu verlieren?
Courage:
Was muss enden, damit etwas Besseres entstehen kann?
Diese Fragen sind der Kern des Grit Compass.
Ein Modell, das nicht gegen Grit arbeitet —sondern ihm eine Richtung gibt.
Wahre Stärke zeigt sich nicht im Dranbleiben.
Sondern im Entscheiden.
Grit bleibt für mich ein inspirierendes Konzept.
Es erinnert uns daran, dass wir mehr schaffen können, als wir oft glauben.
Aber es erinnert uns nicht daran, wann wir aufhören sollten.
Und genau das gehört zur Führung genauso dazu.
Durchhalten ist wertvoll.
Nur nicht immer.
Und nicht um jeden Preis.
Nicht jedes Ziel verdient unser Dranbleiben.
Aber jedes verdient unsere Ehrlichkeit.
Genau darin beginnt gute Führung.


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